| Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege, Güstrow

Veranstalter: Landeszentrale für politische Bildung

2. Jahreskongress zur politischen Bildung in Mecklenburg-Vorpommern: „Aus der Geschichte lernen? - Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für die politische Bildung“.

Unter dem Motto „Aus der Geschichte lernen? - Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für die politische Bildung“ diskutierten am Samstag, den 14.11.2009, rund 90 Wissenschaftler, auf dem 2. Jahreskongress zur politischen Bildung in Mecklenburg-Vorpommern Lehrerinnen und Lehrer, politische Bildner und weitere Interessierte neue Herausforderungen und Chancen der politischen Bildung in Mecklenburg-Vorpommern.

Das Treffen fand auf Einladung der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung und unter der Schirmherrschaft des Ministers für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern Henry Tesch statt.

Der Direktor der Landeszentrale, Jochen Schmidt, spannte eingangs den Bogen des teilweise kontroversen Verhältnisses zwischen historisch-politischer und politischer Bildung. Wo für das genaue Verständnis heutiger demokratischer Strukturen ein Blick in deren geschichtliche Entstehung und Entwicklung unverzichtbar ist, dürfe aber umgekehrt nicht erwartet werden, dass der alleinige Besuch einer Gedenkstätten automatisch „gestandene Demokraten„ hervorbringe – hierfür sind noch zusätzliche Angebote politischer Bildung notwendig. Danach betonte der Bildungsminister Henry Tesch den Wert politischer Bildung allgemein und besonders angesichts des diesjährigen Erinnerns an die Friedliche Revolution in M-V vor 20 Jahren im Herbst 1989. Der Direktor der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege Güstrow, Prof. Dr. Bodo Wiegand-Hofmeister, unterstrich in seinem Grußwort den Wert der politischen Bildung im Rahmen der unterschiedlichen Bildungsgänge an der Fachhochschule und skizzierte in einem kleinen Exkurs den Unterschied zwischen Geschichte und Geschichtsschreibung. Im Namen der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung begrüßte Dr. Gudrun Heinrich die Anwesenden und gab einen kurzen Einblick in die Überlegungen, den diesjährigen Jahreskongress zum Spannungsverhältnis von historisch-politischer und politischer Bildung zu gestalten.

Der Hamburger Geschichtsdidaktiker Prof. Dr. Bodo von Borries (Universität Hamburg) ging in seinem einführenden Vortrag auf zentrale Strukturmerkmale historischen Erkennens ein und zeichnete anhand vieler Beispiele vier unterschiedliche Muster historischer Sinnbildung nach. Dass Geschichte immer Geschichtsschreibung und damit Konstruktionsprozess eines Autors ist, der die unterschiedlichen „Vergangenheitspartikel“ in einen sinnvollen Zusammenhang bringt, stand im Zentrum seiner Reflektionen.

Wie sich die Darstellung eines historischen Ereignisse im Lauf der Zeit und durch die unterschiedlichen Interessen der Autoren wie Leser verändert und auch wie derselbe historische Prozess durch andere Begriffe überschrieben und neu gefasst wird, sei Aufgabe eines langwierigen Prozesses historischer Rekonstruktion. Dass sich dabei Inhalte und Bezüge von vermeidlich starren Werten wie Demokratie, Menschenrechten und Zivilgesellschaft/Zivilcourage ändern und entwickeln und welchen Stellenwert diese politischen Grundwerte im Prozess historischen Rekonstruierens erhalten sollten, beschloss seine Ausführungen.

Die Berliner Politikdidaktikerin Kerstin Pohl (Freie Universität Berlin) kritisierte in ihrem Vortrag einen in Krisensituationen vorherrschenden Aktionismus, der politische Bildung lediglich als Feuerwehrfunktion wahrnehme und instrumentalisiere. Die dann der politischen Bildung oftmals zugesprochene, zentrale Rolle und Funktion im gesellschaftlichen Verständigungsprozess stehe zumeist im markanten Gegensatz zur Höhe der finanziellen Unterstützung dieser „Säule der Demokratie“.

Im Kern politischer Bildung steht für sie die Erklärung zentraler politischer Strukturen und Mechanismen (bspw. Realität / Praxis: Kontrollfunktion des Parlaments gegenüber der Regierung; Gewissensfreiheit des Abgeordneten; Relevanz des Plenums in der parlamentarischen Arbeit). Als Folge könnte eine sachliche Bestandsaufnahme demokratischer Strukturen und Prozesse deren realistische Handlungsräume freilegen und, gleichzeitig, Spielräume für demokratisches Einmischen und Verändern aufzeigen.

Am Nachmittag standen den rund 90 Teilnehmern des auf dem 2. Jahreskongress zur politischen Bildung in Mecklenburg-Vorpommern drei Arbeitsgruppen offen, um über die Darstellung der Praxis politischer Bildung und der Rolle historischen Erkennens für diese miteinander ins Gespräch zu kommen.

In der ersten Arbeitsgruppe gab Dr. Matthias Heyl von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück Einblick in den teilweise schwierigen Umgang mit rechtsextremistischen Besuchern in seiner Gedenkstättenarbeit. Wie konkret mit einzelnen, rechtsextremen Provokationen von Besuchern umgegangen werden kann und welche Möglichkeiten allgemein der Gedenkstättenarbeit bei der Bewältigung eines derartig zentralen gesellschaftlichen Problems zukommen, bestimmten seine Ausführungen. In der zweiten Arbeitsgruppe schilderten Annegtret Ehmann (Berlin) und Heike Müller (Dokumentationszentrum Schwerin) Ablauf, Inhalte und Erkenntnisse des Lehrerfortbildungsseminars „Auseinandersetzung mit Diktaturen“, das im Dokumentationszentrum der Opfer der Diktaturen in Deutschland in Schwerin angeboten wird. In der dritten Arbeitsgruppe berichtet Susanne Krüger (Erasmus-Gymnasium Rostock) über einige ihrer Praxiserfahrungen aus dem Spannungsfeld Geschichte und politische Bildung an Schulen. Die Materialien dieser Arbeitsgruppe finden Sie demnächst unter Materialien zum Download.

In dem abschließenden Vortrag zeichnete Dr. Kazimierz Wóycicki (Universität Warschau) die Entstehung verschiedener geschichtlicher Großerzählungen am Beispiel der Geschichte Polens nach. Hier wie allgemein war deren zentrale Funktion die Erzeugung und Festigung einer politischen Gemeinschaft - der Nation. Heute, in Zeiten der Europäischen Union, bliebe es weiterhin die gemeinsame europäische Aufgabe über europäische Erzählungen die europäische Integration weiterzuentwickeln und zu stärken.

Eine gemeinsame europäische Geschichtsschreibung werde hierbei nicht nationale und regionale Geschichte ersetzen, sondern vielmehr die europäische Union als politische Gemeinschaft erkennbar werden lassen. Dass diese Form gemeinsamer europäischer Geschichtsschreibung ein Politikum ist und wie über staatenübergreifende Projekte (z.B. gemeinsame Schulbücher) Annäherung und Konflikt, Dissens und Verständigung sich vollzieht, stand am Ende seiner Ausführungen.